Familie beim Radfahren lernen

„Wie werde ich zu einem modernen Vater und Führungskraft?“

„Ich bin Ende 30 und stolzer Vater einer zweijährigen Tochter. Meine Frau startet bald wieder in ihren Beruf, wobei sie dies in Teilzeit tut, damit sie genügend Zeit für unser Kind hat. Ich möchte gerne ein moderner Vater sein und sie unterstützen und einen möglichst großen Beitrag leisten, wobei ich auch noch Führungskraft bin und da weiterhin erfolgreich sein will. Wie tue ich das am besten, so dass ich für beides Zeit habe?“

Claudius Z. aus S.

Der Führungscoach antwortet:

Zuerst möchte ich Ihnen zu Ihrer Familie gratulieren! Ihre Worte erinnern mich an die Zeit, als unsere beiden Kinder klein waren (heute sind sie 25 und 27 und längst flügge geworden). Ich erinnere mich sehr gerne an diese Zeit zurück. Sie erinnert mich auch daran, wie meine Frau und ich die Arbeit für die Familie aufgeteilt hatten, denn wir standen vor einer ähnlichen Situation. Generell ist es sehr positiv, dass Sie erkannt haben, dass eine Veränderung ansteht. Es mag Sie überraschen, dass ich dies betone, aber viele Väter wollen moderne Väter sein, sehen aber nur bedingt ein, dass es einer Veränderung bedarf, damit dies gelingt. Einfach ein neues Etikett draufkleben genügt nicht.

Lassen Sie die ‚alten‘ Väter gehen…

In meiner Praxis als Coach für Führungskräfte stelle ich dabei fest, dass es zwei Hauptprobleme gibt, ein moderner Vater zu sein. Einerseits die Modelle der alten Väter, mit denen wir aufgewachsen sind und die uns geprägt haben. Diese Modelle gehen häufig davon aus, dass der Vater der Haupternährer ist und daher sein Erfolg vor allem steht. Dies führt dazu, dass der Beruf immer vor der Familie kommt und in Ihrem Falle Ihre Frau und Ihr Kind am Ende der Nahrungskette stehen und damit alle Abweichungen vom Wunschzustands des modernen Vaters voll abbekommen: Wenn Ihre Tochter sich darauf freut, dass Sie die Gutenachtgeschichte vorlesen, und Sie dann zwei Stunden zu spät kommen und Ihre Tochter längst schläft. Oder wenn Ihre Frau ihren Mädelsabend absagen muss, weil Sie spontan länger im Büro geblieben sind. In beiden Fällen haben Sie unzufriedene Stakeholder zuhause, die sich vernachlässigt fühlen. Wenn Sie ein moderner Vater werden wollen, dann gilt es als erstes, das Modell des alten Vaters kritisch zu hinterfragen und zu erkennen, was von ihm bleiben soll und was von ihm gehen bzw. durch etwas Neues ersetzt werden darf. Dies sollte in einer bewussten Analyse geschehen, da damit auch eine gewaltige Veränderung einhergehen kann: Der Nutzen, abends zuverlässig für die Familie da zu sein wird durch die Kosten erkauft, im Büro regelmäßig nein sagen zu müssen, wenn ein Teammitglied am Feierabend noch etwas von einem will – etwas, was der eigene Vater vielleicht nie getan hat und für das man kein Vorbild kennt. Entsprechend schwierig wird der Wandel.

…und entwickeln Sie zusammen mit Ihrer Frau den ‚modernen‘ Vater.

Dasselbe gilt andererseits für den modernen Vater: Vielfach haben Paare keine Vorlage dafür, die sie einfach nachbauen können. Nicht, dass es an Beispiel mangeln würde, aber diese sind so vielfältig wie das heutige Leben und ohne bewusste Reflexion nur schwer auf die eigene Situation übertragbar. Nun könnte man meinen, dass die Idee des modernen Vaters doch klar ist: Wie Sie schreiben, unterstützt der moderne Vater seine Partnerin dabei, die Familie zu managen, indem die Arbeiten gleichmäßig aufgeteilt werden. 

In diesem offenbar einfachen Aufteilungsschlüssel liegt aber der Kern für das Problem: Nach welchen Kriterien wird denn aufgeschlüsselt? Häufig werden die Aufgaben aufgeteilt (Wer kocht das Abendessen? Wer kauft ein? Wer fährt zum Werkstoffhof?), aber nicht die freie Zeit. Dies führt dazu, dass das Familienleben der Partnerin häufig aus drei Teilen besteht: Familienarbeit alleine, Familienarbeit parallel zum Partner oder Zeit mit dem Partner. So liest der Vater die Gutenachtgeschichte vor, während die Mutter die Küche aufräumt. Was fehlt ist die freie Zeit für die Partnerin, in der sie ihren eigenen Wünschen nachgehen kann, in dem sie z.B. die Beine streckt und eine Zeitschrift liest, während der Vater die Gutenachtgeschichte vorliest, und beide gemeinsam nachher die Küche aufräumen. Oder der Vater ist Babysitter, während die Mutter zum Yogaabend geht. Dies ist nur ein Beispiel, das bei Ihnen passen kann oder auch nicht, denn Ihre Lösung hängt von der Situation und den Wünschen von Ihnen beiden ab. Daher empfehle ich Ihnen, sich gemeinsam hinzusetzen und zusammen Ihre Ideallösung zu entwickeln, so dass Ihre echten Wünsche erfüllt werden können. Das geht oft nicht ohne Kompromisse, aber der offene Austausch kann Lösungen erbringen, die für beide Seiten gut sind.

Das Fazit des Führungscoachs Felix Müller:

Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen ist eine der großen Herausforderungen für Führungskräfte, egal ob Väter oder Mütter. Es gilt, Bestehendes zu verändern (man ist nun zu dritt und vieles kann nicht mehr wie vorher sein, wenn man eine gemeinsame Verantwortung hat). Wenn man eine moderne Familie sein will, kommt hinzu, Bekanntes zu hinterfragen, wenn man selbst als Kind ein anderes Familienmodell erlebt hat, indem oft der Vater der Faktor war, dem sich die anderen unterordnen mussten. Dies kann anspruchsvoll sein, da damit auch viele Familien-Werte in Frage gestellt werden. Dazu kommt die Definition der modernen Familie, für die keine Blaupause existiert, sondern die bewusst gemeinsam entwickelt werden sollte. Dazu kommen die Auswirkungen der modernen Familie auf den Beruf und die Rolle als Führungskraft. Alles zusammen ist ein komplexes System, das neugestaltet werden muss, damit alle Beteiligten – Vater, Mutter, Kind, Unternehmen, Mitarbeiter – mit ihren Wünschen gut berücksichtigt werden können.

Felix Müller, Führungscoach 

Felix Müller ist ICF-zertifizierter Führungscoach (ACC) und unterstützt Führungskräfte und Unternehmen dabei, durch bessere Führung erfolgreicher zu sein. Er hat Wirtschaft in St. Gallen und den USA (MBA) sowie Psychologie in UK studiert und verfügt über 25 Jahre Erfahrung als internationale Führungskraft. Sein besonderes Interesse liegt darin, wie Persönlichkeit, Werte, Glaubenssätze, Ängste und die Umgebung gutes Führungsverhalten ermöglichen oder behindern. Er ist Mitherausgeber des “International Handbook of Evidence-Based Coaching: Theory, Research and Practice”, welches im Herbst bei Springer erscheint.

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