„Wie kann ich als Chef pünktlich gehen, ohne mich schlecht zu fühlen?“

„Als Vater zweier Kinder will ich genügend Zeit für sie und meine Partnerin haben. Daher will ich um 17.30 Uhr meine Arbeit beenden. Allerdings schaffe ich dies selten, da ich mich schlecht fühle, wenn ich so früh gehe. Entsprechend vernachlässige ich meine Familie, was mich stresst und ihr gegenüber unfair ist. Was kann ich tun?

Peter Z. aus M.

Der Zeitcoach antwortet:

Sie scheinen ein Mitglied der immer größer werdenden Gruppe moderner Väter zu sein, die sowohl im Beruf erfolgreich sein als auch ihren Beitrag zum Familienleben leisten wollen. Für diese Menschen ist die von Ihnen beschriebene Situation typisch – sie wissen nicht genau, wie sie den Übergang von Beruf auf Privat sauber gestalten. Daher wird die eigentlich klar definierte Grenze – bei Ihnen um 17.30 Uhr – verwässert, und es kommt etwas heraus, dass Ihnen auch nicht gefällt. Frust, Stress und Enttäuschung sind die Folgen.

Gefühle enthalten wichtige Informationen für uns

Sie schreiben über Ihr schlechtes Gefühl, ohne dies genauer zu beschreiben. Und da würde ich gerne einhaken, denn ein besseres Verständnis über unsere (guten und schlechten) Gefühle hilft uns, unser Handeln zu gestalten. Zuerst ist es wichtig zu verstehen, was Gefühle eigentlich sind: Sie sind eine Rückmeldung unseres Unterbewusstseins zu Erlebnissen und Erfahrungen der Vergangenheit in Bezug auf eine aktuelle Situation. Wenn wir in der Vergangenheit Schokoeis mit positiven Erinnerungen wie Urlaub in Italien verbinden, wird diese Erinnerung wach, wenn wir in der Eisdiele vor der Auswahl stehen, und wir wählen unterbewusst Schokoeis, da unser Unterbewusstsein damit nicht nur ein Geschmackserlebnis verbindet, sondern quasi „Urlaub für die Dauer eines Eises“.

Dasselbe funktioniert natürlich auch mit negativen Erlebnissen. Gerne lade ich Sie nun ein, diesem Gefühl auf die Spur zu kommen. Setzen Sie sich kurz hin, entspannen Sie sich und schließen, wenn Sie mögen, Ihre Augen. Spüren Sie nun voll in dieses Gefühl herein. Wo fühlen Sie es? Wie stark ist das Gefühl? Gehen Sie nun in der Zeit zurück. Wann ist dieses Gefühl zum ersten Mal aufgetreten? Beschreiben Sie die Situation: Was ist geschehen? Was waren die Folgen? Wie ging es Ihnen dabei? Gehen Sie nochmals weiter in der Zeit und sammeln Sie weitere Beispiele.

Was sich hinter Gefühlen verbergen kann

Kommen Sie wieder zurück ins hier und jetzt und schauen Sie sich die Situationen an, in denen Sie dieses Gefühl hatten. Ich kenne natürlich Ihre Situationen nicht, teile aber gerne einige ähnliche Beispiele aus meiner Coachingpraxis. So könnte es sein, dass eine Klientin feststellte, dass sie es sehr schätzte, mit dem eigenen Chef ruhige Gespräche zu führen, und dies war nur abends möglich, wenn der Tagesrummel vorbei war. Entsprechend verbindet sie die Abende mit Quality Time und will dies ihrem Team auch anbieten. Um 17.30 Uhr gehen entspricht daher, dem Team etwas wegzunehmen, was die Klientin selbst als sehr wertvoll erachtete. Oder ein Klient ist eher still und zurückhaltend, kam in Meetings zu wenig zu Wort und konnte seine eigene Meinung nur abends seiner Chefin kundtun. Wenn die Chefin abends nicht mehr da gewesen wäre, wäre er gar nicht zu Wort gekommen. Es könnte daher sein, dass auch Sie mit der Tatsache, dass ein Chef für Sie abends da war, mit etwas Positivem verbinden und Sie daher den Verlust dieses Positiven befürchten. Die gute Nachricht ist, dass Sie nun, da sie wissen, wo das Problem liegt, in die Handlung kommen können. Wenn Sie Ihrem Team ruhige Gespräche anbieten wollen, dann schaffen Sie dafür die Gelegenheit vor 17.30 Uhr; Sie könnten z.B. jeweils einen Mittagsspaziergang machen, um Einzelgespräche zu führen. Dasselbe gilt für Ihre zurückhaltenden Teammitglieder. Genauso können auch Sie Lösungen suchen, welche das Positive der Erinnerungen in eine praktische Handlung überführen, die sowohl dieses Positive erhält als auch Ihnen die Gelegenheit gibt, die gewünschte Zeit mit Ihrer Partnerin und Familie zu verbringen.

Fazit des Zeitcoaches Felix Müller:

Gefühle haben einen starken Einfluss auf unser Verhalten. Sie sind so stark, dass sie oft unseren Verstand überstimmen: Wir mögen intellektuell noch so sehr davon überzeugt sein, mehr Sport treiben zu wollen, wenn es sich nicht gut anfühlt, tun wir es nicht (wir geben diesem Gefühl sogar eine Gestalt, den „inneren Schweinehund“). Dabei sind unsere Gefühle wichtige Informationen für uns, da sie die Verbindung zu unserer Vergangenheit und dem, was wir (nicht) wollen herstellen. Daher hilft es uns, den Quellen der Gefühle nachzugehen, um dann festzustellen, inwiefern die aktuelle Situation diesen früheren Erlebnissen entspricht und was getan werden kann, um die aktuelle Situation so zu gestalten, dass sich das Positive aus der Vergangenheit einstellt. Dies ist ein häufiger Teil von Coaching und es ist für mich als Coach eine große Freude zu spüren, wie meine Klient:innen plötzlich entspannt sind, weil sie Ihren Weg gefunden haben, der vernünftig ist und sich gut anfühlt.

Felix Müller, Zeitcoach 

Felix Müller hilft als selbstständiger Coach Führungskräften, die zu wenig Zeit haben und dadurch ihren familiären Verpflichtungen nicht nachkommen, zu viele Überstunden leisten oder keinen Spaß an ihrem Job haben. Er hat an der Uni St. Gallen und der Duke University (MBA) Wirtschaft und der Henley Business School Psychologie studiert und verfügt über mehr als 25 Jahre Führungserfahrung. Er ist von der International Coaching Federation zertifiziert und in deren Münchner Stadt Chapter tätig.

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