„Wie bin ich als Führungskraft in Teilzeit erfolgreich?“ Effektivität statt Effizienz

„Nach der Elternzeit kann und will ich wieder in meine Führungsrolle einsteigen und dabei das Angebot, dies in Teilzeit zu tun, nutzen und statt 40 neu 30 Wochenstunden zu arbeiten. Allerdings bin ich die erste bei uns, die dies tut und uns allen fehlt ein Vorbild dafür. Was ist aus Ihrer Erfahrung das Wichtigste, was es zu beachten gilt?“

Helene T aus B.

Der Führungscoach antwortet:

Viele Menschen wollen heutzutage in Teilzeit arbeiten und dies betrifft neuerdings vermehrt auch Führungskräfte, die meist wegen ihrer Kinder ihre Arbeitszeit reduzieren wollen. Dies trifft auch auf Sie zu. Doch gerade bei Führungskräften ist die Idee der Teilzeitstelle neu und ungewohnt, entsprechend schwer tun sich viele damit. Wobei dieses Unwohlsein oft sowohl auf Seiten der Führungskräfte als auch deren Mitarbeiter:innen besteht.

Das schneller drehende Hamsterrad ist keine Lösung

Dabei erlebe ich es als Führungskräfte-Coach, dass die primären Herausforderungen bei den Führungskräften liegen, die in Teilzeit wechseln wollen. Diese haben häufig Probleme damit, die durchaus substanzielle Reduktion (z.B. die „Zeit-Pizza“ schrumpft um ein Viertel, wenn man wie Sie von 40 auf 30 Wochenstunden wechselt) darzustellen. Viele versuchen, das Weniger an Zeit durch ein Mehr an Geschwindigkeit aufzuholen: Sie wollen effizienter arbeiten. Doch dies ist eine Illusion, denn wenn dies klappen würde, würde dies bedeuten, dass diese Menschen das, was sie bisher geleistet haben, in 25% weniger Zeit schaffen – dies wäre ein bisher ungenutztes Produktivitätspotenzial, was wohl die Berater von McKinsey & Co. längst schon entdeckt hätten, wenn es denn bestünde. Zudem würde dies auch bedeuten, dass diese Führungskräfte (und alle anderen) bisher höchst unproduktiv unterwegs waren. Beides macht keinen Sinn. Daher ist meine erste Empfehlung, dass Sie die Idee, effizienter sein zu wollen, begraben. Sie dürfen dabei auch nicht vergessen, dass Sie neben der prozentualen Arbeitszeitreduktion zusätzlich unter Druck stehen, da Sie weniger Puffer für Überstunden haben: Wenn Sie um 15 Uhr die Arbeit beenden müssen, weil Sie Ihr Kind von der Kita abholen müssen, dann ist länger dazubleiben keine Option bzw. eine, die wesentlich stärker belastet, da Sie negatives Feedback von Kind und Kita befürchten müssen.

Die Alternative der Effektivität – das Richtige tun

Statt das Hamsterrad noch schneller drehen zu lassen, empfehle ich Ihnen, es anzuhalten, auszusteigen, innezuhalten und sich folgendes in Bezug auf die Ihnen in Teilzeit zur Verfügung stehende Zeit von 30 Stunden zu fragen:

Was ist das Richtige, das ich in dieser Zeit tue?

Damit fragen Sie nach der Effektivität Ihres Tuns. Diese Frage besteht aus drei Teilfragen:

  • Was kann ich in dieser Zeit erreichen?
  • Was soll ich in dieser Zeit erreichen?
  • Was will ich in dieser Zeit erreichen?

Die Fragen mögen ähnlich klingen, haben aber jeweils einen anderen Fokus: Die Frage nach dem Können beleuchtet den Aspekt, dass Ihnen effektiv 25% weniger Zeit zur Verfügung steht. Lassen Sie eine durchschnittliche Arbeitswoche in der Vergangenheit Revue passieren und überlegen Sie sich, was Sie wegstreichen wollen, wenn Sie 25% weniger Zeit haben. Die Frage nach dem Sollen fokussiert sich auf Ihre Führungsrolle. Sie sind Führungskraft und als solche ist Ihre wichtigste Rolle zu führen – wenn Sie das nicht tun, tut es keiner, während für Fachthemen meistens mehrere Mitarbeiter:innen zur Verfügung stehen. Entsprechend empfehle ich Ihnen, Ihren Führungsaufgaben Priorität einzuräumen. Nach Können und Sollen habe Sie schon eine gute Vorstellung, wie denn Ihr Teilzeittag aussehen kann. Dabei ist zu beachten, dass Sie Meetings, die bisher nach dem zukünftigen Arbeitsende geplant sind, umlegen müssen. Bei den eigenen Terminen dürfte dies einfach sein, bei den Terminen anderer müssen Sie charmant, aber bestimmt einwirken – die meisten Meetings unterliegen meiner Erfahrung nach keiner größeren Logik, warum sie z.B. nach 15 Uhr sein sollten.

Wichtig: Was wollen Sie erreichen?

Dazu kommt Ihr Wollen, d.h. was wollen Sie weiter erreichen, wofür Sie Zeit brauchen und wo Sie im Unternehmen bewusster vorgehen sollten, weil Sie z.B. nicht mehr abends beim Kollegen für einen Schnack ins Büro können – Sie sitzen ja schon längst bei Ihrem Kind Zuhause. Auch dies ist einzuplanen. All diese Schritte haben das Ziel, statt Ihrer Effizienz (das Hamsterrad) Ihre Effektivität zu erhöhen. Effektivität bedeutet, das Richtige zu tun (während Effizienz darauf abzielt, alles – ohne Selektion – möglichst schnell und ressourcenarm abzuarbeiten) und Sie sollten sich einfach fragen, womit Sie als Führungskraft in Teilzeit den größten Nutzen für Ihr Team, Ihr Unternehmen und sich selbst generieren können – und dies in 30 Wochenstunden. Mit diesem Bewusstsein können Sie dann in Ihrem Unternehmen die anderen Beteiligten abholen und gemeinsam die neue Organisation für Teilzeit-Führungskräfte entwickeln.

Das Fazit des Führungscoachs Felix Müller:

Immer mehr Führungskräfte (und zwar sowohl Mütter wie Väter) wollen in Teilzeit arbeiten, nachdem sie ihre Familie gegründet haben. Der Hauptfehler beim Übergang von Voll- auf Teilzeit liegt darin zu meinen, dass sich nichts Substanzielles ändert, was offensichtlich falsch ist, da die verfügbare Arbeitszeit bedeutend sinkt. Die Lösung liegt daher nicht in der Effizienz des noch schneller drehenden Hamsterrads, sondern darin, das Richtige zu tun. Für Führungskräfte bedeutet dies zuerst Führung, da diese Aufgabe sonst keiner im Team übernimmt. Fachthemen können leichter abgegeben werden, da für sie häufig mehrere Experten im Team existieren. Sich mit der Effektivität zu beschäftigen ist ein großer Schritt, der große Veränderungen bringt. Doch entdecken viele Unternehmen hierbei große Verbesserungspotenziale, die sie sonst nicht entdeckt hätten. Damit kann der Schritt einer Führungskraft von Vollzeit auf Teilzeit auch ein Produktivitätsboost sein.

Felix Müller, Führungscoach 

Felix Müller ist ICF-zertifizierter Führungscoach (ACC) und unterstützt Führungskräfte und Unternehmen dabei, durch bessere Führung erfolgreicher zu sein. Er hat Wirtschaft in St. Gallen und den USA (MBA) sowie Psychologie in UK studiert und verfügt über 25 Jahre Erfahrung als internationale Führungskraft. Sein besonderes Interesse liegt darin, wie Persönlichkeit, Werte, Glaubenssätze, Ängste und die Umgebung gutes Führungsverhalten ermöglichen oder behindern. Er ist Mitherausgeber des “International Handbook of Evidence-Based Coaching: Theory, Research and Practice”, welches im Herbst bei Springer erscheint.

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