„Wie bin ich als Führungskraft in Teilzeit erfolgreich?“ Bewusst Rituale einführen.

„Wir haben einen Sohn und nach der Elternzeit bin ich in einem Teilzeitmodell wieder als Führungskraft in meinem Unternehmen eingestiegen. Mein Tagesablauf ist so, dass ich regelmäßig um 15 Uhr meine Arbeit beende, um dann unser Kind von der Kita abzuholen. Leider fällt es mir schwer, pünktlich um 15 Uhr loszukommen, da ich das Gefühl habe, dass ich nach 15 Uhr noch im Büro gebraucht werde. Ich überlege mir schon, ob das mit der Teilzeit wirklich eine gute Idee ist. Was kann ich tun?

Bernadette S. aus W.

Der Führungscoach antwortet:

Ihre Beschreibung empfinde ich als typisch für alle Menschen, die von einer Vollzeit auf eine Teilzeitstelle wechseln. Sie haben weniger Zeit und für alle Beteiligten zeigt sich dies dann, wenn die anderen arbeiten und Sie nicht. Eigentlich kennen wir diese unterschiedlichen Arbeitszeiten z.B. aus Kernzeitenmodellen: Wenn die Kernzeit von 10 bis 15 Uhr liegt, dann kommen einige schon um 8 und andere bleiben bis um 18 Uhr – solange sie in der Kernzeit da sind, ist alles i.O. Ich weiß nicht, ob Sie auch ein Kernzeitmodell haben und wenn ja, wie dieses definiert ist. Was Sie und Ihre Umgebung aber erleben dürften, ist dass Sie ein „hartes Arbeitsende“ haben, d.h., dass Sie unbedingt um 15 Uhr gehen müssen, weil Sie in der Kita erwartet werden. Dies ist ein Unterschied zu anderen Mitarbeitern ohne Kinder, da diese meistens bei dem, was sie nach der Arbeit erwartet, flexibler sind – im schlimmsten Fall ist die Yogastunde halt verpasst, wenn im Büro noch etwas ansteht, was eine Verlängerung erfordert.

Wie Sie mit einem Ritual Entspannung in Teilzeit erreichen

Wichtig für eine Lösung Ihres Problems ist es, dass Sie akzeptieren, dass Sie früher als die anderen gehen wollen. Denn dies ist, was wirklich passiert. Selbst in einer Vollzeitrolle könnte dies Ihnen passieren, wenn Sie um 6 oder 7 Uhr beginnen (und Ihr Mann Ihren Sohn zur Kita bringt). Dennoch gehen Sie um 15 Uhr und Ihre Mitarbeiter:innen arbeiten ohne Sie. Die Lösung in diesem und Ihrem wirklichen Fall liegt darin, Ihren ‚Abgang‘ bewusst zu gestalten. Damit meine ich, Ihre Angst, dass Sie nach 15 Uhr vermisst werden, so anzugehen, dass Sie entspannter sind (mehr zu Ängsten erfahren Sie HIER). 

Dies können Sie damit erreichen, dass Sie von 14 bis 15 Uhr einen „Open Door Slot“ definieren, in dem Sie für alle Fragen, die nicht bis zum nächsten Tag warten können, zur Verfügung stehen. Wichtig: Kommunizieren Sie diesen Slot sehr aktiv in Ihrem Team im Sinne von

„jetzt bin ich für eure Fragen, die nicht bis morgen warten können, da; nutzt diese Zeit!“

Natürlich legen Sie keine Meetings in diesen Slot und nutzen Sie ihn nur für kurze Antworten – alles, was länger braucht, blockiert den Slot für andere Mitarbeiter:innen und benötigt wahrscheinlich ohnehin mehr Zeit zur Bearbeitung. Wie geht es Ihnen mit dieser Idee? Spüren Sie schon eine gewisse Entspannung, weil Sie vielleicht in dieser letzten Arbeitsstunde mehr für Ihr Team da sind als bisher und eine noch bessere Führungskraft sind? Wie denken Sie, dass Ihr Team darüber denkt? Vielleicht mögen Sie Ihr Team ja dazu befragen! Was Sie hier einführen ist ein Ritual und Rituale geben uns Menschen Struktur und damit Sicherheit. Ihnen, dass Sie für Ihre Mitarbeiter:innen voll da sind, bevor Sie pünktlich gehen, um Ihr Kind abzuholen und so Ihre Verpflichtungen gegenüber Kind, Kita und Familie erfüllen. Ihrem Team, weil die Mitglieder wissen, dass Sie voll für sie da sind und gleichzeitig Ihren familiären Verpflichtungen nachkommen. Wer weiß, vielleicht sind Sie dann auch ein Vorbild für andere Führungskräfte oder Mitarbeiter:innen, die auch in Teilzeit wechseln wollen?

Das Fazit des Führungscoachs Felix Müller:

Vielfach meinen Führungskräfte, dass ihre Umgebung nicht möchte, dass sie in Teilzeit wechseln. Das mag sein, erfordert aber eine Überprüfung – vielleicht sieht es ja ganz anders aus. Allerdings sind die eigenen Gefühle der Führungskräfte ernst zu nehmen, da sie sonst zwischen Job und Familie zerrieben werden. Die genauere und bewusstere Benennung der Ängste der Führungskräfte schafft Klarheit und Entspannung und bildet das Fundament, auf dem eine Lösung gefunden werden kann. Diese kann je nach Lage variieren, doch oft ist es möglich, für Führungskraft, Team und Unternehmen auch beim Teilzeitmodell eine Win-Win-Win-Situation zu finden.

Felix Müller, Führungscoach 

Felix Müller ist ICF-zertifizierter Führungscoach (ACC) und unterstützt Führungskräfte und Unternehmen dabei, durch bessere Führung erfolgreicher zu sein. Er hat Wirtschaft in St. Gallen und den USA (MBA) sowie Psychologie in UK studiert und verfügt über 25 Jahre Erfahrung als internationale Führungskraft. Sein besonderes Interesse liegt darin, wie Persönlichkeit, Werte, Glaubenssätze, Ängste und die Umgebung gutes Führungsverhalten ermöglichen oder behindern. Er ist Mitherausgeber des “International Handbook of Evidence-Based Coaching: Theory, Research and Practice”, welches im Herbst bei Springer erscheint.

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