„Wie schaffe ich es, mich nicht zu verzetteln?“ FOMO

„Ich habe große Probleme, mich in der Arbeit zu konzentrieren. Immer wieder bimmelt mein Smartphone, weil eine neue Nachricht eintrifft. Wenn ich es stummschalte und an den Rand meines Schreibtisches lege, schiele ich immer wieder, ob ein Benachrichtigungslämpchen aufleuchtet. Wenn ich es ganz ausschalte, habe ich das Gefühl, von der Welt abgetrennt zu sein, und spüre den Drang, es doch wieder anzuschalten. Egal, was ich tue, ich bin unkonzentriert und leiste zu viele Überstunden, die mein Chef nicht gerne sieht. Was raten Sie mir?“

Britta P. aus B.

Der Zeitcoach antwortet:

FOMO – dies ist der Name für das, was Sie beschreiben: The Fear Of Missing Out, also die Angst, etwas zu verpassen. Dies ist ein viel vorkommendes Phänomen der heutigen Always-On-Gesellschaft, also des Anspruchs, dass man immer und überall erreichbar sein muss. Gerade durch die Smartphones als kleine Schaltzentralen unseres Lebens hat sich diese Möglichkeit erst ergeben: Früher hat man einmal am Tag Post erhalten – alles, was geschehen konnte, war in dieser Post und bis zum nächsten Tag konnte nichts neues kommen. In Zeiten des Desktops fuhr man ihn abends herunter und hatte bis zum nächsten Morgen seine Ruhe. Man saß ja Zuhause und hatte keinen Zugang zu seinen E-Mails. Heute wacht man nachts auf und nutzt das Handy, um nach der Zeit zu schauen. Was Einfacheres, als dann gleich um 3 Uhr morgens noch die Mails oder WhatsApp zu checken – es könnte ja etwas passiert sein. Klingt dies vertraut?

Finden Sie die Angst hinter der Angst

Sie schreiben, dass Sie schon verschiedenes ausprobiert haben, um der Lage Herr zu werden, und dass dies nichts gebracht hat: In jedem Falle waren Sie unkonzentriert. Meine Erfahrung in der Arbeit mit Führungskräften bestätigt dies: Viele Lösungen wie „Schalt doch einfach ab!“ sind zu einfach, weil sie das Problem nicht lösen, sondern durch ein Neues ersetzen: Statt 24/7 ist man 0/0 erreichbar. Die Lösung dafür liegt darin, die „Angst hinter der Angst“ zu finden. Wie zum Beispiel bei einer Klientin, die mit derselben Problembeschreibung ins Coaching kam. Die zentrale Frage, die zum Durchbruch führte, lautete:

„Was befürchten Sie denn, das passiert, wenn Sie nicht dauernd erreichbar sind?“

Sie stockte, überlegte und sagte, mit Tränen in den Augen:

„Das etwas ganz Schlimmes passiert!“

Im weiteren Gespräch fand sie heraus, dass diese Angst hinter der Angst aus ihrer Jugend stammte: In ihrer Familie gab es ein Problem und weil sie nicht erreichbar war, konnte sie erst viel später mit ihrer Familie Kontakt aufnehmen. Und auch wenn dies die aktuelle Situation nicht verschlechterte (die anderen Familienmitglieder konnten das Problem ohne sie lösen), so hinterließ diese Erfahrung tiefe Spuren bei ihr, weil sie sich die Schuld dafür gab, dass sie nicht erreichbar gewesen war (für mehr zum Thema Ängste lesen Sie diesen Blogpost).

Wenn die Angst hinter der Angst bewältigt ist, löst sich FOMO auf

Nachdem es nun klar war, wovor sie sich fürchtete, konnte diese Erfahrung in den Kontext der aktuellen Situation gestellt werden. Sie wollte auch weiterhin erreichbar sein, wenn etwas Schlimmes in ihrer Familie passieren würde. Ihre laufenden Kontrollen des Handys dienten also ‚nur‘ dazu, zu schauen, ob eine Nachricht ihrer Familie eingetroffen war. Rasch stellte sie fest, dass dies fast nie vorkam, sie aber bei der Kontrolle des Handys gleichzeitig durch alle anderen Nachrichten abgelenkt wurde. Plötzlich war die Lösung für sie sonnenklar:

„Ich brauche ein privates Handy, dass nur für meine Familie ist und auf dem keine Social Media-Apps installiert sind. Und ich erkläre meiner Familie, dass sie mich auf diesem Handy anrufen sollen, wenn sie etwas von mir brauchen!“

Gesagt, getan. Heute hat sie immer ihr privates Notfallhandy neben sich auf dem Schreibtisch liegen und weiß, ohne hinzugucken, dass sie immer für ihre Familie erreichbar ist. Ihre Konzentration ist massiv gestiegen und ihre Überstundenzahl hat sich drastisch reduziert.

Das Fazit des Zeitcoachs:

Die Angst, etwas zu verpassen (The Fear Of Missing Out, FOMO), ist in der heutigen Always-On-Kultur sehr präsent. Alle schauen dauernd auf ihr Smartphone und können laufend abgelenkt werden. Weniger aufs Handy zu schauen, es häufiger wegzulegen oder ganz auszuschalten sind Wege, damit umzugehen. Aber die Reduktion des Kontaktes bedient die Angst hinter der Angst, denn wir befürchten nicht, dass wir nicht mehr aufs Handy schauen können, sondern wir befürchten, dass etwas schlimmes passiert. Für die Angst hinter der Angst gibt es keine Universallösungen, die für jeden gelten. Vielmehr sind es Erfahrungen aus der individuellen Vergangenheit, die diese Ängste entstehen lassen. Identifizierung und Bewältigung sind daher genauso individuell und am besten in einem geschützten Raum möglich, indem man ohne Angst über seine Ängste sprechen kann. Daher sind Ängste und deren Bewältigung ein häufiges Thema in meinen Coachings von Führungskräften. Dies ist umso wichtiger, da unbearbeitete Ängste uns dauerhaft behindern können und, da sie aus dem Unterbewusstsein stammen, nur die bewusste Arbeit an ihnen eine Veränderung ermöglicht. Einfache Lösungen wir „Spring doch einfach!“ genügen dafür nicht.

Felix Müller, Zeitcoach 

Felix Müller hilft als selbstständiger Coach Führungskräften, die zu wenig Zeit haben und dadurch ihren familiären Verpflichtungen nicht nachkommen, zu viele Überstunden leisten oder keinen Spaß an ihrem Job haben. Er hat an der Uni St. Gallen und der Duke University (MBA) Wirtschaft und der Henley Business School Psychologie studiert und verfügt über mehr als 25 Jahre Führungserfahrung. Er ist von der International Coaching Federation zertifiziert und in deren Münchner Stadt Chapter tätig.

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