„Wie schaffe ich es, mich nicht zu verzetteln?“ Chaos auf dem Schreibtisch.

„Seit über einem Jahr führe ich mein Team in der Forschungsabteilung eines Automobil-Zulieferers aus der Ferne aus dem Home Office. Dabei stelle ich fest, dass mein Schreibtisch jeden Tag nach maximal einer Stunde völlig chaotisch aussieht: Überall liegen Vorgänge und Zettelchen herum. Dazu kommen unzählige geöffnete Dateien und Mails, bei denen ich schon mal begonnen habe, Antworten zu verfassen. Am Ende brauche ich ewig, um meine Arbeit zu bewältigen und habe keine Zeit für mein Privatleben. Ich habe schon verschiedenes versucht, um dies zu ändern, aber irgendwie geschieht dies automatisch und fühlt sich auch gut an – bis zu dem Punkt, wo ich feststelle, dass ich nicht mehr weiterweiß. Was kann ich tun?

Marius L. aus B

Der Führungscoach antwortet:

Danke, Marius, für die Schilderung Ihrer Lage. Sie ‚schaffen‘ es also jeden Tag, dass Ihre Arbeit nach einer Stunde einem Chaos gleicht und Sie zwar einerseits nicht weiterwissen und dies als störend empfinden, aber andererseits es sich einfach so ergibt ohne Zutun von draußen – es entsteht quasi von selbst. Gerade der letzte Aspekt zeigt auf eine mögliche Ursache: Viele Menschen verzetteln sich, weil sie abgelenkt werden: Mitarbeiter stehen mit einer Frage vor einem, Kollegen laden kurz zum Kaffeeklatsch ein oder ein Anruf platzt in eine Phase konzentrierten Arbeitens herein. Dies alles führt zur Ablenkung und Unterbrechung der Arbeit, die dann später am Tag nachgeholt werden muss. Doch dies trifft aus Sie offenbar nicht zu, da sie solche Ereignisse nicht erwähnen (diejenigen, denen dieses Beispiel bekannt vorkommt, finden Ideen zur Bewältigung HIER).

Ihre angeborene Persönlichkeitspräferenz übernimmt das Kommando

Daher ist Ihr Problem hausgemacht und es deutet vieles darauf hin, dass Ihr Verhalten ein Teil Ihrer Persönlichkeit ist. Der Schweizer Psychiater C.G. Jung hat vor rund einem Jahrhundert entdeckt, dass wir so genannte „angeborene Persönlichkeitspräferenzen“ haben. Das heißt, dass bei aller Vielfalt von Persönlichkeiten doch einige Muster erkennbar sind. Er identifizierte vier Dimensionen für Persönlichkeitspräferenzen, von denen eine hier passt: die Frage, wie man in der Arbeit vorgeht. Ihre Beschreibung passt zur Gruppe der flexiblen Menschen, die es vorziehen, ihr Leben spontan und anpassungsfähig zu gestalten, sich gerne Optionen offenhalten und neugierig sind: Klingt dies wie Sie, Marius, wenn Sie den Arbeitstag beginnen? Wenn ja, dann lade ich Sie als erstes dazu ein, sich dafür zu wertschätzen. Die beschriebenen Fähigkeiten sind gerade für Führungskräfte wichtig, da sie sich mit den Ausnahmen im Berufsleben beschäftigen müssen, wenn sich Situationen verändern oder neue Informationen auftauchen. Dann hilft Ihnen diese Persönlichkeitspräferenz dabei, rasch und kompetent zu handeln und sich und Ihr Team an die veränderte Situation anzupassen. Ich empfehle Ihnen daher, diesen Teil Ihrer Persönlichkeit zu erhalten und zu nutzen.

„Kenne deinen Feind“ oder: Ausgeglichenheit ist die Lösung

Doch dies nützt Ihnen nichts mit Ihrem Problem. Die Lösung liegt in der ‚anderen‘ Persönlichkeitspräferenz bei der Frage, wie wir in der Arbeit vorgehen: Das Gegenteil von Ihnen zieht es vor, sein Leben auf eine geplante und organisierte Art zu leben und kommen gerne zum Abschluss. Der Weg zum Ziel gleicht einer geraden Einbahnstraße, von der nicht abgewichen wird. Die ganze Reise wird von Anfang an detailliert geplant und am Wegesrand stehen Meilensteine, die signalisieren, dass man auf einem guten Weg ist. Wie geht es Ihnen mit dieser Beschreibung? Für viele Menschen mit Ihrer Persönlichkeitspräferenz mag dies illusorisch klingen, doch weckt es oft auch Erinnerungen an solche Menschen wach, denen wir begegnet sind: Die Kollegin aus der Controllingabteilung ist doch so organisiert! Dies ist auch gleich der Lösungsansatz, den ich Ihnen empfehle: Suchen Sie sich Beispiele aus Ihrem Leben, bei denen Sie selbst oder andere Menschen strukturiert ihre Arbeit bewältigt haben. 

Denn einerseits spricht Jung nur von ‚Präferenzen‘, d.h. bevorzugtes Verhalten, das uns leichtfällt, und andererseits ist es möglich, anderes Verhalten zu lernen. Des ist für Sie als Führungskraft wichtig, da Sie beide Arbeitsweisen kennen und situativ hin- und herwechseln können sollten. Beantworten Sie Fragen wie diese:

  • Wann bin ich selbst strukturierter vorgegangen?
  • Wen in meinem Team/Familie bewundere ich, weil sie so strukturiert sind?
  • Was tun diese Menschen anders?
  • Was möchte ich sie fragen?
  • Kann mir jemand anders dabei helfen?

Nutzen Sie diese Erfahrungen, um Ihren Tagesablauf schrittweise umzustellen und so mehr Zeit für Ihre Arbeit und andere Aktivitäten zu gewinnen. Denn wie schon der chinesische Philosoph Laotse sagte:

„Eine Reise von tausend Meilen beginnt mit dem ersten Schritt.“

Das Fazit des Führungscoachs Felix Müller:

Unsere Persönlichkeitspräferenzen sind mit Hauptursachen dafür, dass wir nicht das tun, was wir eigentlich tun wollen. Viele von uns wissen, dass strukturiertes, planvolles Vorgehen in Unternehmen hoch angesehen ist und die Zusammenarbeit vereinfacht und entspannt, da Termine ohne Zeitdruck eingehalten werden können. Dennoch gelingt es vielen nicht, dies zu tun, weil sie automatisch in den flexiblen Modus wechseln, auch weil es sich so einfach anfühlt und wenig Energie benötigt. Während Struktur-Spezialisten z.B. m Projektmanagement voll in ihrer Präferenz aufgehen können, müssen Führungskräfte beide Ausprägungen kennen und können. Damit können Sie alle Teammitglieder verstehen und nutzen das Beste aus zwei Welten. Eine tiefere Auseinandersetzung mit den vier Persönlichkeitspräferenz-Dimensionen von Jung (neben der Arbeitsweise die Fragen, wie wir Energie gewinnen, wie wir die Welt sehen und wie wir Entscheidungen treffen) erlaubt es, sich besser zu verstehen und bewusst sein Handlungsspektrum zu erweitern.

Felix Müller, Führungscoach 

Felix Müller ist ICF-zertifizierter Führungscoach (ACC) und unterstützt Führungskräfte und Unternehmen dabei, durch bessere Führung erfolgreicher zu sein. Er hat Wirtschaft in St. Gallen und den USA (MBA) sowie Psychologie in UK studiert und verfügt über 25 Jahre Erfahrung als internationale Führungskraft. Sein besonderes Interesse liegt darin, wie Persönlichkeit, Werte, Glaubenssätze, Ängste und die Umgebung gutes Führungsverhalten ermöglichen oder behindern. Er ist Mitherausgeber des “International Handbook of Evidence-Based Coaching: Theory, Research and Practice”, welches im Herbst bei Springer erscheint.

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.